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FDP.Die Liberalen
FDP Frauen Kanton Zürich
Bezirkspartei FDP Frauen Kanton Zürich
14.09.2017

Ist die Zukunft weiblich?

Wenn der Schweizer Wirtschaft die Fachkräfte ausgehen, braucht es künftig umso mehr gut ausgebildete Frauen. Allzu häufig kehren diese nach der Babypause nicht ins Erwerbsleben zurück oder entscheiden sich gegen eine Karriere. Wir haben drei Expertinnen nach den Gründen und Gegenrezepten gefragt.

Was sind die grössten Hindernisse für mehr Frauen im Erwerbsleben und was kann die Politik tun?

Gudrun Sander: Wir haben immer noch zu wenig, zu teure und von der Qualität her nicht immer überzeugende Kinderbetreuungsangebote. Von der Politik wäre zu erwarten, dass sie endlich die steuerliche Bestrafung von Doppelverdienern abschafft und zur Individualbesteuerung wechselt.

Sandra Volken: Ausreichend und bezahlbare Kinderbetreuung finde ich ebenfalls das Wichtigste. Es soll sich für die Familie lohnen, dass beide arbeiten und der zweite Lohn darf nicht komplett an die Krippenkosten gehen. Auch braucht es zeitlich flexible Betreuungszeiten.

Franziska Stadelmann: Ich sehe das ähnlich wie die Kolleginnen. Jedoch beobachte ich in den Städten ein grösseres Angebot – es gibt wohl ein gewisses Gefälle zwischen Stadt und Land.

Gibt es auch gesellschaftliche Hindernisse?

Gudrun Sander: Das grösste Problem sind wohl die starren Geschlechterrollen-Erwartungen, wie z. B. „Die Mutter gehört zum Kind“. Kinder leiden gemäss einer jüngst publizierten Studie nicht, wenn sich die Erwerbs- und Familienarbeit zwischen den beiden Eltern gleichmässig aufgeteilt sind und beide erwerbstätig sind. Kritisch sehen es die Kinder erst, wenn Teile des Arrangements nicht verlässlich sind. Also zum Beispiel, wenn ein Elternteil oft Überstunden schieben muss, oder wenn es Betreuungslücken gibt.

Franziska Stadelmann: Die Frage ist auch, wie wir sozialisiert wurden. Meine Eltern führten gemeinsam ein Geschäft. Das heisst meine Mutter war Vollzeit berufstätig und so wurden wir Kinder mit Unterstützung von „Dienstmädchen“ – heute nennt man das wohl Nanny – gross. Für die heutigen Generationen ist es selbstverständlich, dass Mütter arbeiten. Das Model kannte ich also bereits von zu Hause und so war es immer klar, dass meine Tochter in eine Kinderkrippe und in eine Tagesschule geht. Von Arbeitgeberseite hatte ich das Glück, dass ich auch phasenweise Teilzeit arbeiten konnte und Home-Office ebenso möglich wie selbstverständlich war. Wie gesagt, da hatte ich Glück und ich sehe leider heute immer noch zu wenig Arbeitgeber, welche diese flexiblen Modelle breiter zulassen. Letztlich jedoch ist das eine partnerschaftliche Frage – den Entscheid für die Familie fällen beide. Und so gilt es auch die Karrierewege partnerschaftlich zu planen und zu organisieren.

Was müssen Unternehmen ändern, damit Frauen nach einer Babypause im Erwerbsleben bleiben?

Gudrun Sander: Lebensphasenorientiertes Arbeiten muss möglich sein. Vätern wie Müttern sollen Möglichkeiten zur Pensumsreduktion geboten werden und sie sollten weiter angemessene Entwicklungsmöglichkeiten haben. Die Karrieren sollten flexibler werden.

Stadelmann: Wir haben teils falsche Vorstellungen von Karriere als „Weg nach oben“ – diese kann auch lateral stattfinden. Ebenso müssen sich die Frauen getrauen, mehr einzufordern. Ich beobachte häufig, dass wir Frauen zu zurückhaltend sind, z.B. bei Lohnforderungen.

Sandra Volken: Viele, aber nicht noch genügend Unternehmen ermöglichen Teilzeitarbeit. Ich habe in den letzten 13 Jahren wahrscheinlich keine 10 Teilzeitstellen mit einem Beschäftigungsverhältnis von unter 80 Prozent vermittelt. Das finde ich persönlich tragisch.

Franziska Stadelmann: Die Wirtschaft ist noch immer zu sehr auf Präsenzzeit ausgerichtet, auch wenn flexible Arbeitsmodelle langsam kommen. Führungskräfte brauchen für den Wechsel aber auch Mut. Und Durchhaltewille, nicht gleich aufzugeben, wenn es nicht sofort klappt.

Was braucht es neben Teilzeitjobs sonst noch? Mehr Home-office? Krippen am Arbeitsort?

Gudrun Sander: Weniger Überzeiten in Kaderpositionen!

Franziska Stadelmann: Flexible Arbeitszeitmodelle sehe ich als zentralen Faktor. Vorgesetzte sollten vorleben, dass Leistung trotz nicht ständiger Präsenz erbracht werden kann. Bei jüngeren Generationen sehe ich, dass diese ihre Freizeit viel konsequenter einfordern. Als junge Mutter ging ich jeweils um 5 Uhr aus dem Büro, machte dann 3 Stunden Familienarbeit und setzte mich danach nochmals vor den Computer. Da kommen auch Überstunden zusammen… aber das war mir egal, solange es mir Spass machte!

Sandra Volken: Teilzeitpositionen sowie auch Jobsharing bis in die Führungsfunktionen hoch sollten kein Tabu mehr sein. Zugleich werden Mütter, die mehr als 60% arbeiten wollen, immer noch komisch angeschaut… letztlich muss jede Frau für sich entscheiden, was für sie stimmt!

Die FDP fordert Betreuungsgutscheine für Tagesschulen, sodass Eltern, die über Mittag nicht heimkehren können, ihre Kinder doch betreut wissen. Was halten Sie davon?

Franziska Stadelmann: Letztlich ist dies eine private Entscheidung. Eine pauschale Entschädigung finde ich den falschen Weg. Diejenigen, welche sie benötigen oder wünschen, sollten jedoch solche Gutscheine beziehen können.

Sandra Volken: In unserer recht grossen Gemeinde am Zürichsee gibt es nur einen Hort. Und da muss das Kind mindestens 2 Tage hin, damit es einen Platz kriegt. In der Schule meiner Tochter gibt es ab 8.00 Uhr eine Betreuung, dies aber nur am Morgen. Das heisst, dass man dann am Nachmittag wieder schauen muss, wie das Kind betreut ist… das kann doch nicht sein!

Frauenquoten können neue Probleme schaffen (z.B. Akzeptanz der Frauen in Führungspositionen). Was sagen Sie zu Quoten?

Sander: Quoten bringen eine rasche Veränderung und „seeing is believing“. Studien zeigen, dass wenn mehr Vorbilder vorhanden sind, sich etwas verändert. Quoten bringen auch höhere Zahlen von Frauen in Führungspositionen, sodass die heute sehr wenigen nicht so exponiert sind. Nicht jede Führungsfrau ist perfekt, genauso wenig wie jeder Führungsmann perfekt ist. So fällt das Scheitern einer einzelnen Führungsfrau weniger stark ins Gewicht.

Sandra Volken: Ich halte absolut nichts von Quoten. Die transparente Besetzung eines Postens ist meines Erachtens das richtige Vorgehen – die richtige Person am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Egal ob Mann oder Frau.

Franziska Stadelmann: Ich bin gegen Quoten, aber für Zielvorgaben. Wenn ich mit einer Quote den 30%-Frauenanteil schnell und schmerzfrei erreiche, ist das zwar der bequemere Weg wie die Zielvorgabe, wirkt jedoch nicht nachhaltig. Die Zielvorgabe kann in die Unternehmensentwicklung einbezogen werden statt wenn ich einfach zwei bis drei weibliche GL- oder VL-Mitglieder extern „einkaufe“. Aber zu 100% einverstanden mit Gudrun Sander – Vorbilder sind absolut entscheidend!

Häufig sind es die Frauen selber, die den nächsten Schritt auf der Karriereleiter nicht wagen – oder den Kopf an der berühmten „gläsernen Decke“ stossen. Weshalb?

Franziska Stadelmann: In unserem Unternehmen haben wir 30 Prozent Frauenanteil, jedoch kommen die weiblichen Führungspersonen zumeist nicht aus dem Pool der aus einer Mutterschaft zurückgekehrten Frauen. Häufig bleiben diese in der „Teilzeitfalle“ hängen, fühlen sich wohl in diesem Setting und wollen auch nicht in eine Führungsposition zurückkehren. Stattdessen werden in diesem Bereich eher externe weibliche Fachkräfte rekrutiert. Letztlich braucht es ein Committment der Unternehmensleitung und die Gefässe dazu seitens der Unternehmen, damit sich hier etwas ändert.

Gudrun Sander: Die Arbeitskulturen in reinen Männergremien sind oft nicht sehr „einladend“. Unbewusste Abwertungen von Frauen, Micro-Aggressions, Benevolent Sexism im Sinne von gutgemeintem Parternalismus, der aber sehr abwertende ist. „Ich bin ja so stolz auf dich, wie du das gemacht hast.“ ist keine Kommunikation auf Augenhöhe (eher Vater zu Tochter) und heisst auch: „Ich habe dir das nicht zugetraut.“

Franziska Stadelmann: Ich glaube, man muss dann die Professionalität walten lassen und auch einmal die Grösse haben, um über solche Bemerkungen hinweg zu schauen. Auch Männer reagieren teils sensibel und zeigen dies einfach nicht.

Gudrun Sander: Frauen sind oft selbstkritischer, weniger selbstbewusst und trauen sich weniger zu. Positiv formuliert: Sie überschätzen sich weniger oft als Männer. Aber: Sie haben eben auch die „Fall-Back-Option“ in die Mutterrolle, die gesellschaftlich so hoch angesehen ist. Wenn eine Frau sagt, sie hört auf zu arbeiten wegen der Kinder ist das sehr ok. Wenn das ein Mann sagt, wird er schräg angesehen und gefragt, was denn seine Frau mache …

Franziska Stadelmann: Ich sehe das auch so. Das ist ein gesellschaftliches Bild, das sich langsam ändert. Wir reagieren immer noch mehrheitlich seltsam auf das Bild eines Mannes, der Teilzeit arbeitet oder sich ganz der Familienarbeit widmet. Ich glaube jedoch, dass dies immer normaler wird.

 

Sandra Volken Buscemi, 46, ist Personalberaterin / Inhaberin bei Volken Consulting GmbH. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter (8).

Prof. Gudrun Sander, 53, ist Professorin für Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen. Sie ist verheiratet und Mutter von drei Kindern (24, 19 und 17).

Franziska Stadelmann, 53, ist Leiterin Personal- und Organisationsentwicklung bei einem Finanzdienstleister in Zürich. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter (23).